Gentechfreies Saatgut - auch ein Standortvorteil
Unsere IP- und Bio-Landwirtschaft kann sich mit gentechfreien Qualitätsprodukten sowohl im hiesigen als auch im internationalen Markt profilieren, was wiederum von den KonsumentInnen sehr geschätzt wird und der Biosicherheit dient. Damit das auch nach Ablauf des Gen-Tech-Moratoriums so bleibt, braucht es zusätzliche Massnahmen. Ein Postulat.
Von Lilith Claudia Hübscher, Kantonsrätin
Das Problem «Ko-Existenz»
Im Moment wird geforscht, inwiefern die so genannte Ko-Existenz - das Nebeneinander von gentechhaltiger und gentechfreier Landwirtschaft - in der kleinräumigen Schweiz überhaupt möglich ist. Auf Bundesebene ist das nationale Forschungsprogramm (NFP 59) «Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen» im Tun. Auf kantonaler Ebene wurde eine Studie dazu bereits 2004 in Auftrag gegeben: Sie soll das heutige und zukünftige Risiko analysieren im Hinblick auf die unbeabsichtigte Verbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP) im Kanton Zürich. Die Ausgangslage wird wie folgt geschildert: «Die Wahrscheinlichkeit, dass GVP dabei über verschiedene Wege unbeabsichtigt in die Umwelt gelangen könnten (z. B. durch Verluste beim Transport, bei der Verarbeitung oder bei der Lagerung), existiert und wird in Zukunft noch zunehmen.»
Beispiel Langkornreis LL601
In der Tat: Im Kanton Zürich sind Mitte September Spuren des nicht bewilligten gentechnisch veränderten Langkornreises (LL601) aufgetreten, welcher vor einigen Jahren in den USA auf gut einer Hektare angebaut wurde. Heute ist laut EU-Meldungen jede fünfte (!) Probe kontaminiert. Es ist offensichtlich sehr gut möglich, dass über den internationalen Saatguthandel gentechnisch veränderte Pflanzen auf unsere Felder gelangen, auskreuzen und so die Ko-Existenz untergraben.
Das Szenario des amerikanischen Langkornreises ist auch für die Schweiz denkbar. Mögliche Verluste für IP- und Bio-Produzenten sowie für das nachgelagerte Gewerbe (Getreidesammelstellen, Mühlen, Lebensmittelproduzente, Grossverteiler) sind die Folge und können eine existenzielle Bedrohung werden.
Ein Zürcher Postulat
Unabhängig davon, ob man für oder gegen den Einsatz der Gentechnologie in der Landwirtschaft ist: Um die vom Bund im Gentechnikgesetz Artikel 7 festgeschriebene Schutznorm umzusetzen (Schutz der Produktion ohne gentechnisch veränderte Organismen), muss die Saatgutversorgung für den gentechnikfreien Landbau sichergestellt werden. Darum habe ich im Kantonsrat ein Postulat mit folgendem Wortlaut eingereicht:
«Der Regierungsrat prüft, mit welchen Massnahmen gesetzgeberischer und finanzieller Art der Anbau und die Entwicklung von Saatgut für eine gentechnikfreie Landwirtschaft, wie sie im Raum Rheinau einen Schwerpunktbildet, unterstützen, fördern und schützen kann. Er nimmt dafür auch Kontakt mit den entsprechenden Stellen der angrenzenden Kantone und im grenznahen Deutschland auf.»
An beiden Seiten des Rheins und beidseits der Landesgrenze wird bei uns Saatgut für die gentechnikfreie Landwirtschaft gezüchtet, vermehrt und angebaut - in verschiedenen Höfen, die insgesamt bis zu 400 Hektaren umfassen. Mit einem Angebot von bis zu 400 verschiedenen Nutzpflanzen ist in dieser Region das grösste gentechfreie Anbau- und Produktionsgebiet in Europa entstanden, sowohl für den biologischen als auch konventionellen Saatgutmarkt. Auf vielen Höfen in der Region wird ein Know-How zum Anbau und zur Ernte von Gemüse und Getreidesaatgut aufgebaut, was neben einer sinnvollen Diversifizierung eine wichtige Einkommensmöglichkeit für die beteiligten Höfe darstellt.
Raumplanerisch schützen
Eine mögliche Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen - sei es als wissenschaftlicher Freisetzungsversuch oder kommerzieller Anbau - gefährdet diese erfolgreiche und zukunftsweisende Arbeit. Aus diesem Grund muss der auf diesen Feldern vorherrschende natürliche Genfluss - analog einer Grundwasserquelle - präventiv vor Verunreinigung durch Fremdgene aus GVP geschützt werden. So wie um eine Grundwasserfassung eine Gewässerschutzzone gezogen wird, soll um dieses Gebiet eine hinreichende Schutzzone mit den entsprechenden raumplanerischen Instrumenten installiert werden, um das Risiko einer Kontamination zu verringern. Denn der Anbau findet nicht in Treibhäusern statt, sondern in Ballungsgebieten unter freiem Himmel.
Ab 2010 möchte ich eigentlich nicht auf ausländische Produkte ausweichen müssen, weil dort bei der Zulassung des Saatguts keine gentechnischen Verunreinigungen erlaubt sind, wie etwa in Österreich. Sondern ich hoffe, dass die Schweiz nachzieht (siehe Vorstoss Kasten). Unsere LandwirtInnen sollen sich auch nach Ablauf des Moratoriums mit Qualitätsprodukten im Markt profilieren können. Und KonsumentInnen weiterhin sicher sein dürfen, dass Qualitätslabels halten, was sie versprechen.
Dezember 2006
Garantiert genial: Gentechfrei!
August 2005
Die Gentechfrei-Initiative verlangt ein 5-jähriges Moratorium: Den ProduzentInnen garantiert das, sich auf dem Markt zu behaupten. Den KonsumentInnen gibt es die Wahlfreiheit, sich mit Gen-Food oder gentechfreien Produkten zu ernähren. Eine Initiative, die Stadt und Land angeht. Und die wir gewinnen können. Zwei Schauplätze.
Rheinau, Klosterplatz, Sa, 25. Juni, 15 Uhr: Das Fest ist im Gang. Hier, in Rheinau, wo auf 140 ha der grösste biologische Landwirtschaftsbetrieb der Schweiz betrieben wird. Wo mehrere Hundert Sorten Gemüse und Getreide, Kräuter und Blumen erhalten, neu gezüchtet, kultiviert, vermehrt und angeboten werden. Der Betrieb ist europaweit zu einem bedeutenden Ort für biologische Saatzucht geworden.
Auf der Bühne stimmen sich Alphhornbläser, Symphonieorchester und über 100 SängerInnen aus verschiedenen Regionen für die Aufführung von Haydns «Schöpfung» ein. Auch musikalisch soll proklamiert werden: Gen Au Rheinau steht für Saatschutz für die Welt von morgen. Um die Qualität, Unabhängigkeit und Markfähigkeit seitens der Landwirtschaft zu stärken. Kurz: Um der Gen-Tech-Lobby Gegensteuer zu geben. Kraftvoll, nachhaltig und mit langem Schnauf. Nachdem das EU-Gen-Tech-Moratorium fiel, machten sich hier Köpfe wie Martin Ott Gedanken, wie die ökologischen Qualitäten geschützt und gefördert werden können, und lancierte die Gentechfrei-Initiative mit. Vor zwei Jahren lag der nächste Gentech-Freiland-Anbau einige tausend Kilometer entfernt, jetzt sind es noch 250. Bleiben zwei Möglichkeiten: Warten bis es zu spät und das Saatgut kontaminiert ist, oder etwas tun, breit abgestützt, mit Verbündeten: Landwirten der Region, Organisationen wie Bio Suisse, Greenpeace - und den Gen-Au-Rheinau-Mitgliedern (www.gen-au-rheinau.ch).
Am Rednerpult nun die trutzige Stimme des Präsidenten des Schweizer Bauernverbands: Er ist für das Moratorium, obwohl seine RatskollegInnen vor gut einer Woche in Bundesbern die Gentechfrei-Initative ablehnten, wenn auch ganz knapp (88 Ja, 91 Nein). «Wir sind auf unsere KonsumentInnen angewiesen. Die legen Wert auf Qualität.» Applaus.
Zürich, Bahnhofstrasse, Mo, 15. August, 10.30: Die fünf Meter hohe, überdimensionierte Einkaufstasche ist aufgestellt. Eröffnungsaktion des regionalen Gentechfrei-Komitees, die Flyeraktion geht los. Eine junge Frau vermutet, irgendwelche Vorteile müsse die Gen-Tech-Ware doch bringen! In der Tat: Es gibt Gen-Tomaten, die nicht faulen. Aber dem der Geschmack entsprechend doch faul sind, es ist ihnen nur nicht anzusehen. Die Frau hakt nach: Und welche Vorteile haben die Produzenten? Der Vize-Präsi der IP-Suisse, also kein Fundi: Es profitieren jene, die grosse Flächen in Monokulturen anbauen, zum Beispiel Mais. So wird gegen den «Zünsler» ein Pestizid eingebaut, Bacillus thurigensis (BT). Anfangs entfallen Kosten. Allerdings werden auch Nützlinge bekämpft. Oder es entstehen zusätzliche Risiken: Ein Bauer in Bayern, der einen Gentech-Mais mit dem BT-Pestizid den Kühen verfütterte, stellte in seinem Stall völlig neue Krankheiten fest. Schliesslich, so der Fachmann, springen BT-Pestizidresistenzen nach einigen Jahren auch auf Unkräuter über: Es gibt neue Superunkräuter, die wieder separat bespritzt werden müssen - mit entsprechenden Mitteln von Monsanto und Konsorten.
Ja, wer profitiert denn? Die Gen-Tech-Lobby, weil sie Abhängigkeiten schafft. Er habe, rundet der Bauer aus Teufen mit einer Geschichte ab, vor kurzem einen kanadischen Bio-Farmer besucht. Als dessen Felder von Monsanto-Raps verunreinigt wurden, klagte ihn der Saatgutriesen ein: Schutz von geistigem Eigentum. Fazit: Schutzabstände nutzen nix. Was wiederum Urs Hans auf den Plan ruft, Bio-Bauer aus dem Turbenthal: «Die Konzerne wollen das Saatgutgeschäft zu einem Lizenzgeschäft umfunktionieren. Aber: Das alte Recht von uns Bauern vom eigenen Saatgut lassen wir uns nicht nehmen.» Sagts und flyert weiter.
Weitere Infos: http://www.gen-au-rheinau.ch
Lilith C. Hübscher, Co-Präsidentin Gen Au Rheinau
