Schlauer verkehren – statt mehr Parkplätze bauen

Mi 07.10.15

Die Gegner der neuen Parkplatzverordnung argumentieren als gäbe es neben der individuellen motorisierten Mobilität kein Leben mehr. Ohne beliebig verfügbare Parkplätze stünde alles still: die Wirtschaft, die Sportanlagen, der Gottesdienst, die Restaurants und die kulturellen Institutionen. Dabei wird völlig ausgeblendet, dass bereits heute schon 40% der Bewohner kein eigenes Auto mehr haben, ihr Leben also weitestgehend ohne Parkplätze organisieren. Es sind Menschen – die genauso wie jene mit dem Auto – zur Arbeit fahren, Einkaufen gehen, Sport treiben, die Kirche besuchen, in die Ferien verreisen oder ins Theater gehen. Hat unsere Wirtschaft, haben unsere Institutionen, hat irgend jemand daran Schaden genommen?

Doppelt so viele Parkplätze!

Im Gegenteil, wären diese alle auch noch täglich mit dem Auto unterwegs, dann bräuchten wir doppelt soviele Parkplätze und der Verkehr auf den Strassen (Winterthurs) wäre längst kollabiert. Niemand käme überhaupt mehr irgendwo hin, ausser vielleicht zu Fuss oder noch mit dem Velo. Ich selbst gehöre auch zu jenen, die kein eigenes Auto besitzen. Schon seit über 30 Jahren. Und das mit Familie, also seit die Kinder klein waren. Wir waren und sind genauso mobil wie andere, vielleicht ein wenig bewusster, vielleicht ein wenig organisierter. Es gibt sehr viele Alternativen zur privaten Automobilität, und es werden immer mehr.

Verkehrsfluss sichern

Schlauer verkehren! Das kann jeder oder jede, egal ob Autobesitzer oder nicht. Es geht nicht darum, etwas zu verbieten. Aber genau so wie das knappe Gut Bauland nicht übernutzt werden darf (gemäss Bau- und Zonenordnung) soll künftig auch mit der knappen Ressouce Strassenkapazitäten haushälterischer umgegangen werden. Ziel ist es, den Verkehrsfluss insgesamt stabiler zu gewährleisten. Die Steuerung erfolgt zum einen über die Verkehrslenkung, zum anderen über die zur Verfügung stehenden Parkplätze. Letzteres nur dort, wo auch eine gute Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr besteht. Das ist sinnvoll und den engen städtischen Verhältnissen angemessen. Die kurzsichtige Alternative wäre höchstens kilometerweise Häuserzeilen abzubrechen um die heutigen Hauptstrassen für mehr Autospuren zu verbreitern.

Effizienter unterwegs, für alle und für die Umwelt

Es geht bei der Parkplatzverordnung nicht um den Gewerbeverkehr, es geht nicht um die Transportdienste, es geht auch nicht um die Schichtarbeitenden. Es geht nicht um all jene, die aus nachvollziehbaren Gründen auf eine Fahrt mit dem Auto angewiesen sind. Alle diese profitieren davon, wenn auf den Strassen wieder mehr Platz ist. Es geht um jenen Anteil des motorisierten Individualverkehrs, der volkswirtschaftlich ineffizient mit einer Tonne Blech gerade mal eine einzige Person von einem Parkplatz zum anderen bewegt. Das gilt insbesondere für den Pendlerverkehr, es gilt aber auch für viele Fahrten im Einkaufs- und Freizeitverkehr. Dieser Verkehrsanteil belastet die Hauptstrassen über Gebühr und lässt den Bus zu oft im Stau stecken.

Mit der neuen Regelung wird kein aktueller Parkplatz rückgebaut. Es wird lediglich sichergestellt, dass künftig nicht mehr (neue) gebaut werden. Das entlastet letztlich die Strassen und unser aller Budget. Es sorgt für mehr Zuverlässigkeit im öffentlichen Verkehr und nützt schliesslich auch der Umwelt. Der VW-Skandal zeigt in aller Deutlichkeit auf, dass wir noch weit von jener umweltfreundlichen Automobilität weg sind, die von gewissen Kreisen gerne herbeigeredet wird.

 

6. Oktober 2015, Reto Diener, Gemeinderat Grüne Winterthur, grünpunkt Kolumne im Stadtanzeiger