Weit weg und doch ganz nah

Di 15.03.16

ist eigentlich eine Tragikkomödie mit Happy End, verpackt in einen Roman aus der Feder der Schriftstellerin Jojo Moyes. Nun habe ich mir erlaubt, den Titel für diesen Beitrag zu verwenden. Für eine andere tragische aber wahre Geschichte, bisher ohne Happy End.

Wir schreiben den 11. März 2011. Fukushima, weit weg von der Schweiz, wird von einem Erdbeben erschüttert. Der darauffolgende Tsunami löst eine Nuklearkatastrophe im AKW Daiichi aus. Rund 160‘000 Menschen werden mit einem Schlag zu Nuklearflüchtlingen und obdachlos. Heute, fünf Jahre nach der Atomkatastrophe, leben immer noch 100‘000 der evakuierten Menschen in temporären Flüchtlingsunterkünften oder bei Verwandten.

Messungen zeigen, dass bis 2013 täglich rund 300‘000 oder insgesamt 270 Millionen Liter kontaminiertes Wasser in das Meer flossen. Die von Fukushima ausgehende Radioaktivität im Gewässer hat sich unaufhaltsam ausgebreitet  und verheerende Schäden angerichtet. Neuesten Berichten zufolge ist davon bereits die Westküste der USA betroffen. Das Massensterben der Meerestiere hat in dramatischem Masse zugenommen. Fische bluten aus den Kiemen, Augäpfeln und Bäuchen, Seelöwen, Seehunde und weitere Meerestierarten sind durch die radioaktiv verseuchten Gewässer massiv bedroht. Vermehrt werden verendete Tiere mit krebsartigen Tumoren entdeckt. Andere sind von Parasiten befallen und sprechen nicht auf Antibiotika an.

Das Schweizer Wahljahr 2011 war durch die Tragödie in Fukushima geprägt. Sogar das bürgerliche Lager sprach sich für die Energiewende aus. Schliesslich tut man ja alles für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger. Noch vor einem Jahr, ebenfalls ein Wahljahr, gab es höchstens verhaltene Kritik am Atomausstieg. Und jetzt? Diese Art der Unsicherheit scheint niemanden mehr zu interessieren.

Wir schreiben den 3. März 2016. In den Medien war zu lesen, dass der neu gewählte Nationalrat die Laufzeitbegrenzung sowie ein Langzeitbetriebskonzept für Atomkraftwerke ablehnt. Die eidgenössischen Räte bleiben diesbezüglich im letzten Jahrhundert stehen. Lieber reist eine Delegation von Politikerinnen und Politikern nach Eritrea um einen Augenschein zu nehmen, ob die Menschen dort wirklich unterdrückt werden. Als ob man das in knapp zwei Wochen feststellen könnte. Ich empfehle den bürgerlichen Parlamentarierinnen und Parlamentariern eine Reise nach Fukushima, um sich ein Bild über das Ausmass der Katastrophe zu machen. Verpflegt werden sie selbstverständlich aus dem regionalen Fischbestand.

Immerhin gibt es die Atomausstiegsinitiative, die voraussichtlich noch dieses Jahr zur Abstimmung kommt. Damit könnte die Bevölkerung wenigstens diesen Fehlentscheid rückgängig machen und eine wichtige Basis für die Energiewende beim Strom legen, sonst ist der AKW-GAU eines Tages nicht mehr weit weg sondern ganz nah und ohne Happy End.

Renate Dürr, Gemeinderätin Grüne Winterthur