Keine Qual der Wahl

Do 01.03.18

Müesli oder Gipfeli? Grüner oder blauer Pulli? Velo, Bus oder Auto? Beruf oder Studium? Heirat oder Konkubinat? Intensivmedizin oder Exit?

 

Jeder Tag beginnt mit einer Wahl, und bis zum Abend haben wir unzählige Male eine Wahl getroffen und dies unser Leben lang. Schon von klein auf wurden viele von uns pädagogisch ans Wählen herangeführt. Denn moderne Erziehungsratgeber raten aufgeschlossenen Eltern, ihr Kind so früh wie möglich, aber insbesondere in der Trotzphase,  in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen und ihm, um es nicht zu überfordern, zwei Möglichkeiten zur Auswahl zu stellen: Willst Du heute Nachmittag lieber auf den Spielplatz oder in den Wald gehen? Anstatt einfach anzuordnen: Wir gehen heute in den Wald. Diese Art der Kommunikation verhindere Konflikte, gebe dem Kind das Gefühl mitbestimmt zu haben und vermittle somit ein gutes Gefühl. In unserer Gesellschaft, in welcher in der Zwischenzeit auch das Familienleben weitgehend demokratisch gelebt wird, ist dies nichts als eine logische, zeitgemässe Konsequenz.

 

Wir sind also von Kindesbeinen an wahlerprobt, und wir leben in einer Welt, die für uns nicht nur zwei, sondern unheimlich viele Wahloptionen bereithält. Wir haben die Wahl. Diese Wahl zu haben, das bedeutet in unserer individualistischen Gesellschaft das Versprechen von Freiheit. Und Freiheit wiederum bedeutet das Versprechen von Selbstverwirklichung - und von Glück. Doch gut zu wählen fällt uns in einer Welt fast unbegrenzter Wahlmöglichkeiten nicht immer leicht. Sprichwörtlich haben wir damit bisweilen auch die Qual. So investieren wir viel Energie und verbringen viel Zeit damit, die richtige Wahl zu treffen, wenn es beispielsweise darum geht, ein neues Handy anzuschaffen oder eine neue Krankenversicherung auszusuchen. Wir recherchieren, lassen uns beraten, vergleichen und überlegen oder diskutieren ausgiebig, bevor wir uns für ein Produkt oder einen Anbieter entscheiden. Schon die Menuwahl kann zu einer Herausforderung werden, wenn auf der Speisekarte 20 Pizzasorten sowie 12 Sorten Rotwein angeboten werden. Doch wir haben natürlich gerne die Wahl und stellen uns deshalb tagtäglich dieser Herausforderung.

 

Oder lassen Sie den Nachbartisch für sich auswählen und essen dann ohne mit der Wimper zu zucken, was Ihnen serviert wird und beteiligen sich brav an der Rechnung? Diese Vorstellung scheint wirklich zu absurd, doch sie karikiert die politische Situation in unserer Demokratie. Nur knapp die Hälfte der Schweizer BürgerInnen beteiligt sich jeweils an Abstimmungen und Wahlen. Die Teilnahme an den Gemeinde- und Stadtratswahlen in Winterthur von 2014 betrug 48.84%. Man stelle sich also vor, die Hälfte der Winterthurer Stimmbevölkerung sitzt schweigend in der Pizzeria und isst teilnahmslos das aufgetischte Menu. Welch trauriges und komisches Bild für unser Zeitalter des selbstbestimmten, informierten, interaktiven und kritischen Menschen!

 

Zu welchem Teil der Bevölkerung gehören Sie? Ich hoffe, Sie nutzen Ihr Mitbestimmungsrecht und wählen aus den 424 KandidatInnen die PolitikerInnen aus, die Winterthur in der nächsten Legislaturperiode engagiert und mutig weitergestalten und voranbringen werden. Im Zeitalter von smartvote und anderen Informationsmöglichkeiten dürfte die Auswahl keine Qual sein sondern vergleichbar einfach.

Das Argument Politik betrifft mich nicht wirklich, die richtige Auswahl meines neuen Handys oder Computers aber wohl, ist leicht dahingesagt und scheint logisch, greift jedoch zu kurz. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie wieder mal im Stau stehen, Sie keinen bezahlbaren Wohnraum finden, Sie feststellen, dass an Freizeit- sowie Kulturangeboten gespart wird, immer mehr historische Gebäude aus dem Stadtbild Winterthurs verschwinden, nachhaltige Projekte auf die lange Bank geschoben oder nicht realisiert werden. Hoffentlich müssen Sie sich dann nicht furchtbar ärgern.

 

Winterthur, 1. März 2018, Gabriela Milicevic Decker, Gemeinderätin Grüne