Mut täte gut

Do 04.10.18

Augenbrennen und Reizungen der Schleimhäute, Kratzen im Hals, Druck auf der Brust und Schmerzen beim tief Einatmen, Entzündungen der Atemwege, mehr Atemwegssymptome und Atemwegserkrankungen, eine messbare vorübergehende Einschränkung der Lungenfunktion, eine Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit, ein Anstieg der Spitaleinweisungen und der Sterblichkeit – rund 200 bis 300 vorzeitige Todesfälle pro Jahr.

Man will es immer noch nicht glauben, aber dies sind die akuten Wirkungen der Ozonbelastung auf unsere Gesundheit. Dabei handelt es sich nicht um Grüne Schreckensszenarien, im Gegenteil diese Informationen finden sich nüchtern auf einem Faktenblatt des Bundesamtes für Umwelt aufgelistet.

Betroffen von den beschriebenen Auswirkungen des aggressiven Reizgases Ozon, das aufgrund seiner geringen Wasserlöslichkeit tief in die Lungen eindringen kann, sind insbesondere empfindlicher reagierende, im Freien tätige Personen wie auch Kinder. Grosse Hitze verstärkt bekanntlich die Wirkung des Ozons. Dies hat bei 10 – 15% der Schweizer Bevölkerung eine Verminderung der Lungenfunktion sowie eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit zur Folge. Damit nicht genug: In einer Studie des Bundesamtes für Raumentwicklung sind die Auswirkungen der Luftverschmutzung (alle Schadstoffe) auf die menschliche Gesundheit in der Schweiz berechnet und als volkswirtschaftliche Kosten von gut 4 Milliarden Franken bewertet worden!

Die durch das langanhaltende ausgesprochen warme Sommerwetter erhöhten Ozonwerte belasten jedoch nicht nur die Gesundheit sowie die Finanzen der Bevölkerung. Auch die Vegetation wird geschädigt und nicht zuletzt das wichtige Ökosystem des Waldes destabilisiert.

Dieses Jahr wurde in Winterthur der erlaubte Grenzwert für Ozon von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft an 81 Tagen teilweise massiv überschritten. Vergangenes Jahr – ein tendenziell verregnetes Sommerhalbjahr – wurden 39 Grenzwertüberschreitungen für Ozon festgehalten. Die Zahl hat sich mehr als verdoppelt. Gemäss der schweizerischen Luftreinhalteverordnung (LRV) dürfte dieser Wert jedoch nur 1 Mal pro Jahr überschritten werden. Und was passiert? Welche Sofortmassnahmen zur Senkung der Ozonkonzentration und damit zur Entlastung der Stadtbevölkerung wurden beschlossen? Einmal mehr: keine. Immer wieder wird vom Stadtrat argumentiert, wie kürzlich in der Fragestunde des Gemeinderates, dass Sofortmassnahmen einen hohen Aufwand bedeuten, wenig Wirkung zeigten und dass die Problematik einer gesamtschweizerischen, ja internationalen Lösung bedarf, nur lokale Massnahmen nicht ausreichten. Dies alles obwohl gleichzeitig aufgrund von Untersuchungen bekannt ist (siehe Landbote, 20.7.18), dass 64 Prozent der Stickoxide (ein zentraler Schadstoff zur Bildung von Ozon) in Winterthur aus dem Strassenverkehr stammen. Sogar der Bereichsleiter des Winterthurer Umwelt- und Gesundheitsschutzes sieht im Bereich Verkehr einen grossen Handlungsbedarf.

Dieses zögerliche Vorgehen – u. a. Verweisen auf die Teilrevision des Massnahmeplans zur Luftreinhaltung - ist nicht nur mut-, sondern auch verantwortungslos.

Ob Tier, Pflanze oder Mensch - unser wichtigstes Lebensmittel ist Luft – am besten saubere, gesunde Luft. Der Mensch atmet laut Wikipedia täglich etwa 23’000-mal und bewegt dabei rund zwölfeinhalb Kubikmeter Luft. Wieso also nicht zukünftig in Zeiten akuter Ozonbelastung beherzt eine schweizweite Vorreiterrolle übernehmen und den motorisierten Individualverkehr stadtweit um die Hälfte mit Fahrverboten reduzieren? Alarmierenden Situationen muss man schnell und konsequent beikommen – siehe das diesjährige Feuerverbot nach anhaltender, extremer Trockenheit. Auch wenn er sich nun verabschiedet hat - der nächste heisse Sommer kommt bestimmt.

Winterthur, 4. Oktober 2018, Gabriela Milicevic Decker, Gemeinderätin Grüne Winterthur